Geistige Erneuerung

Ita Wegman und die geistige Erneuerung der Medizin

von Prof. Peter Heusser

Ita Wegman gehört zu den bedeutendsten Ärztinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist unter diesen zweifellos die Pionierin einer geistigen Erneuerung der Medizin bezeichnet. Die Medizin hatte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend auf eine fast ausschließlich naturwissenschaftliche Basis gestellt und war darin auch äußerst erfolgreich. Diese Entwicklung hat sich im 20. Jahrhundert fortgesetzt und zu den enormen technischen und pharmakologischen Errungenschaften der modernen Medizin geführt. Die Kehrseite davon ist die Entwicklung einer materialistischen Weltanschauung in der Wissenschaft und in allen praktischen Lebensbereichen, wozu insbesondere Mediziner mit ihrem naturalistischen Menschen- und Weltbild maßgeblich beigetragen haben. Der Mensch sei nichts anderes als das Produkt physikalisch-chemischer Prozesse. „Leben“ sei nichts anderes als die Folge genetisch determinierter molekularbiologischer Prozesse, „Seele“ und „Geist“ sei nichts reales, sondern ein Resultat neurobiologischer Mechanismen im Gehirn. Eine geistige Existenz außerhalb der physischen Lebensspanne zwischen Konzeption bzw. Geburt und Tod und sei ein Ammenmärchen.

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Die Folgen dieser Auffassung für die medizinische Praxis, das Gesundheitswesen und die medizinische und gesellschaftlich relevante Ethik waren und sind enorm. Am gravierendsten waren zur Zeit Ita Wegmans die akademischen Diskussionen um die Legalisierung der Euthanasie zur Elimination des sog. „lebensunwerten Lebens“, was von der nationalsozialistisch gewordenen Medizin dann zu einer furchtbaren Kulmination getrieben wurde. Trotz dieser zur Genüge bekannten Entwicklung wird die heute aktuelle Diskussion um die medizin-ethischen Probleme an den Grenzen zwischen Leben und Tod z.T. immer noch nach denselben Denkmustern geführt, die damals prägend waren, so z.B. zur Befürwortung des ärztlich assistierten Suizids oder medizinische Nutzung von „überzähligen“ menschlichen Embryonen. Aber auch abgesehen von solchen Problemen ist die zunehmende Belastung aller Akteure des Gesundheitswesens durch die Unterordnung der medizinischen Versorgung unter rein pharmakologischen, mechanistisch-technologischen und ökonomischen Prinzipien unter Vernachlässigung der humanistischen Aspekte unübersehbar. Die Patienten fühlen sich abgesehen von der Diagnose- und Körper-bezogenen Behandlung nicht mehr umfassend wahrgenommen, und die Ärzte haben für die persönlichen psychosozialen und existenziellen Probleme ihrer Patienten kaum Zeit und sind dafür nur ungenügend ausgebildet. Die Folge ist, dass Patienten zunehmend komplementär- und alternativmedizinische Therapieformen suchen, durch die sie sich umfassender betreut fühlen. Die akademische Medizin hat das bemerkt und mit dem Konzept der „integrativen Medizin“ beantwortet, welches im Einschluss wissenschaftlich untersuchter komplementärmedizinischer Verfahren in die schulmedizinischen Therapiekonzepte besteht. Aber damit ist das Problem nicht gelöst, denn das einseitig mechanistische Denken ist dadurch noch nicht überwunden, und die komplementären oder naturheilkundlichen Verfahren werden nach wie vor unter Maßgabe dieses Denkens interpretiert. Was also wirklich nottut, ist eine fundamentale geistige Erneuerung des medizinischen Denkens und Handelns überhaupt. Es geht darum, das Leben, das Seelische und das Geistige ebenso wie die Materie als Realität ernst zu nehmen, in der Wissenschaft seinen spezifischen Gesetzen und Wirkprinzipien nach zu erforschen und in die Resultate dieser Forschung in der Praxis anzuwenden. Das war das, wofür Rudolf Steiner durch die von ihm gegründeten Geisteswissenschaft oder Anthroposophie umfassend kulturerneuernd zu wirken versuchte. Diesem Erneuerungswerk hat Ita Wegman ihr Leben als Ärztin gewidmet und darin einen hervorragenden Platz eingenommen. Wegman ging es nicht um das, was heute „Integrative Medizin“ genannt wird, obwohl sie in ihrem 1921 gegründeten Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim in der Nähe von Basel wohl als Erste pionierhaft eine Körper, Seele und Geist umfassende klinische Medizin entwickelt hat, die heute auch „integrativ“ genannt wird. So hat sie schon damals auf der Grundlage der naturwissenschaftlichen Medizin gehandelt, aber neu künstlerische Therapien, Bäder und äußere Anwendungen eingeführt, eine rhythmische Massagetechnik entwickelt, sich für die Herstellung von damals z.T. neuartigen Medikamenten aus Mineralien, Pflanzen und Tiersubstanzen eingesetzt, die Patienten umfassend nach leiblichen, seelischen, geistigen, spirituellen und sozialen Gesichtspunkten untersucht und behandelt, eine Ärzte- und Pflegeausbildung ins Leben gerufen, eine medizinische Zeitschrift gegründet und ihre ärztlichen Mitarbeiter dazu angehalten, darin praktische und wissenschaftliche Artikel zu publizieren. Ferner hat sie sich für gesunde Ernährung, die Gründung entsprechender Gaststätten und biologisch-dynamische Landwirtschaft eingesetzt sowie für eine weltweit agierende heilpädagogische Bewegung zur „Seelenpflege“ geistig und körperlich behinderter Menschen, diametral entgegengesetzt dem zu Eugenik und Euthanasie neigenden akademischen Zeitgeist. Die vom Nationalsozialismus ausgehende Gefahr hat sie frühzeitig erkannt und versucht, gefährdete Menschen jüdischer oder anderer Herkunft von der Schweiz aus zu retten. So hat sie sich bis zu ihrem Tod 1943 eminent und mutig gegen die Europa beherrschenden Niedergangskräfte eingesetzt, Niedergangskräfte, die in teilweise verwandelter Form auch heute noch oder wieder neu am Werk sind. Leitend war für Ita Wegman die geisteswissenschaftliche Erweiterung der einseitig naturwissenschaftlich dominierten Lebensgebiete durch die Anthroposophie Rudolf Steiners, unter dessen Leitung damals das Goetheanum als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und als internationale Zentrum der anthroposophischen Bewegung in Dornach, der Nachbargemeinde von Arlesheim, aufgebaut wurde. Steiner hat eng mit Wegman zusammengearbeitet, sie in vielen Einzelheiten beraten, mit ihr das erste Buch über geisteswissenschaftlich erweiterte Medizin geschrieben, sie 1923 zur Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum ernannt und mit ihr die erste Abteilung der Hochschule für Geisteswissenschaft geleitet. Es ist an der Zeit, dass diese hervorragende und in ihren Leistungen und Lebensimpulsen immer noch vorbildliche und aktuelle Arztpersönlichkeit einem breiten Publikum bekannt wird.

Das geplante Filmporträt von Ruth Bamberg kann meines Erachtens einen wertvollen Beitrag dazu leisten. Der Film möchte einen Bogen von den Anfängen der anthroposophisch-medizinischen Bewegung bis zur Gegenwart schlagen. Das gewählte Medium (Film Festivals, Internetportale, DVDs) kann auch die jüngere Generation erreichen. Wenn es Ruth Bamberg gelingt, eine einfühlsame wie gut recherchierte Arbeit zu Ita Wegman vorzulegen und die zentralen Impulse dieser bedeutenden Ärztin deutlich zu machen, dann wird ihr Film  im Sinne auch im Geist von Wegmans Impulsen selbst wirken können. Denn am Beispiel dieser selbständigen Mitarbeiterin Rudolf Steiners wird dann deutlich werden, welche kulturerneuernde Kraft in der Anthroposophie enthalten ist und Anregungen dafür wecken können, wie diese Kraft von mutigen und selbständigen Persönlichkeiten zur kreativen und geistvollen Bewältigung auch neuer und zukünftiger Zivilisationsprobleme weiter entwickelt werden kann. 

Prof. Dr. med. Peter Heusser Universität Witten/Herdecke